FLECHTBANDORNAMENTE werden heute oft als dekoratives Mittel zur Gestaltung freier Flächen angesehen. Ihr Ursprung hat aber rituellen Charakter. So sehen wir zum Beispiel in den keltischen und langobardischen Meisselungen seit dem zehnten Jahrhundert Linien, die sich dem eingeweihten Priester in der Meditation offenbarten. Sie sind Ausdruck für die Verflechtung der geistigen und der irdischen Welt, wobei die Linie (Rite) auch für den schwingenden Ton als Ursprung allen Seins steht (Joh.1).

Die Auffassung dieser Linien reicht von streng geometrischen Ausprägungen bis zu frei schwingenden Formen höherer Gesetzmässigkeiten, deren Verinnerlichung den Charakter eines Mantras haben kann.

Ähnlich wie Wasser sich durch freies Fliessen vitalisiert, belebt sich der Geist durch das Nachfahren der Linien mit den Augen. Darin bestand auch ein Sinn der Flechtbandreliefs in den Kirchen. Flechtbänder stehen auch für Unendlichkeit, weil wir beim Nachfahren der Linien zum Anfang zurückkehren.
Zur Vertiefung:
Rudolf Kutzli: LANGOBARDISCHE KUNST
Urachaus-Verlag
(Zur Zeit leider vergriffen)